Was ist eigentlich die DGUV Regel 112-198?

hier der Auszug aus der Vorbemerkung:
„Diese DGUV Regel findet Anwendung nachdem die Gefährdungsbeurteilung der Unternehmerin oder des Unternehmers ergeben hat, dass die Gefährdungen nicht durch allgemein schützende technische Einrichtungen (kollektive Schutzmaßnahmen) oder durch organisatorische Maßnahmen vermieden oder ausreichend begrenzt werden können.
Diese DGUV Regel erläutert die DGUV Vorschrift 1 „Grundsätze der Prävention“ hinsichtlich der Grundlagen und Benutzung von persönlichen Schutzausrüstungen gegen Absturz.“
1. Anwendungsbereich:
Der Passus: „Von dieser Regel kann zur Rettung von Menschenleben im Einzelfall abgewichen werden (siehe z. B. Unfallverhütungsvorschrift „Feuerwehren“ (DGUV Vorschrift 49))“ ist komplett heraus! Somit ist ein Abweichen von dieser Regel wieder um einen schritt härter.
Die Verweise auf die DGUV Information „Haltegurte und Verbindungsmittel für Haltegurte“ (DGUV Information 212-870)  wurde herausgenommen und ist in die DGUV Regel 112-198 eingeflossen und somit jetzt Stand der Technik.
Der Satz: Diese Regel findet keine Anwendung beim Einsatz von Bergsportausrüstungen und auf die Auswahl und Anwendung von Zugangs- und Positionierungsverfahren unter Zuhilfenahme von Seilen, wurde abgeändert und man verweist jetzt auf die DGUV Information 212-001 für den Bereich der SZP. Der Bergsport Part ist inhaltlich gleichgeblieben.
2. Begriffsbestimmungen:
Die Begriffsbestimmungen wurden noch detaillierter, so gibt es nun jetzt zum Beispiel je einen Unterpunkt für das Auffangsystem, Rückhaltesystem und Arbeitsplatzpositionierungssystem. Die umfangreichste Änderung in diesem Bereich gab es aber bei den Begriffen Anschlageinrichtung und Anschlagmöglichkeit. Bei der Anschlageinrichtung wird jetzt explizit auf die DIN EN 795 bezuggenommenen. Bei der Anschlagmöglichkeit ist nun die Wortgruppe „ausreichend tragfähige“ hinzugefügt worden. (Zertifiziert und nicht zertifiziert aber ausreichend tragfähig)
3. Grundsätzliches:
In diesem Abschnitt wird nun Bezug auf die EU-PSA-Verordnung 2016/425 zur Aufhebung der Richtlinie 89/686/EWG genommen. Die Übergangsfrist war im Übrigen am 21.04.2019 zu Ende. Somit können aber EG-Baumusterbescheinigungen nach der alten Richtlinie bis zum 20.04.2023 gültig sein. Bei der Produktkennzeichnung muss jetzt die Postanschrift des Herstellers oder des Lieferanten mit aufgeführt sein. Sollten die Kennzeichnung für die Chargen- oder Seriennummer oder das Herstellungsdatum durch andere Zeichen vorgenommen werden. Muss das in der Bedienungsanleitung erläutert werden. Wenn sich Bestandteile der PSA gegen Absturz lösen lassen ist eine eindeutige Zuordnung sichergestellt werden. Das kann z.B. über die Kennzeichnung und die Gebrauchsanleitung sein.
4. Systeme der persönlichen Schutzausrüstung gegen Absturz:
Die DGUV hat jetzt hier eine sehr gute Übersicht erstellt, die nochmal deutlich die verschiedenen Sicherungssysteme zeigt.
5. Beispiele für persönliche Schutzausrüstung
Es wurde jetzt ein allgemeiner Punkt für das Auffangsystem mit klarer und detaillierter Beschreibung eingefügt. Hier lässt sich auch die Frage beantworten ob PSAgA Anwender Konten machen dürfen. Natürlich steht hier nicht geschrieben das Konten machen verboten ist. Aber der deutliche Satz, das die Bestandteile gebrauchsfertig sind und hier auch hinter jedem Bestandteil die Norm steht. Hier findet sich auch schon der erste Hinweis auf Beachtung der zu erwartenden Nennlast (Maximal & Minimal), für welche z.B. Falldämpfer ausgelegt sind.
Bei dem Unterpunkt 5.2 Arbeitsplatzpositionierungssytem wird jetzt auch das Beispiel von den Holzmasten gezeigt. Diese war vorher nur in der DGUV Information „Haltegurte und Verbindungsmittel für Haltegurte“ (DGUV Information 212-870) zu finden.
6. Gefährdungsbeurteilung:
Der Abschnitt über die Gefährdungsbeurteilung ist massiv aufgebohrt worden. Hier sind nun verschieden Punkte auf gelistet die in einer Gefährdungsbeurteilung mit aufgenommen werden müssen.
 Abwägung der Verletzungsgefahren durch einen Auffangvorgang und der Verletzungsgefahren bei einem Absturz
 Stolpergefahr
 Benutzergewicht
 Gewicht der Ausrüstung
 einfache und sichere Bedienung der Ausrüstung
 Individuelle Einstellmöglichkeit auf die Beschäftigten
 Besondere Ansprüche an die Ausrüstung (z.B. Kantenbelastbarkeit)
 Sturzfreiraum
 Umgebungsgefahren für die Ausrüstung
 Tragfähigkeit für Anschlagmöglichkeiten (gegeben falls sind Fachleute mit einzubeziehen)
 Unverzügliche Rettung (keine längeres hängen im Gurt als 20 Minuten)
Neue ist der Passus das es ein funktionierendes Rettungskonzept gegeben muss (siehe DGUV Regel 112-199). Für mich gehört hier ganz klar die regelmäßige Übung, mindestens jedoch aller 12 Monate, rein.
Ebenso neue ist jetzt, dass auf die Eignung von Personen Bezug genommen wird. So sollen strenge Maßnahmen für die Auswahl von geeigneten Personen angesetzt Im Rahmen der Fürsorgepflicht hat sich der Unternehmer z.B. durch Betriebsärzte beraten zu lassen. Bei begründetem Anlass und Einverständnis der Beschäftigten soll der Gesundheitszustand und die ausreichende Leistungsfähigkeit geklärt werden. Anhaltspunkte für die medizinische Untersuchung gibt es in der DGUV Information 240-410 (Handlungsanleitung für die arbeitsmedizinische Vorsorge nach dem Berufsgenossenschaftlichen Grundsatz G 41 „Arbeiten mit Absturzgefahr“). Die Untersuchung darf sogar in bestimmten Fällen eine Tätigkeitsvoraussetzung und damit verpflichtend sein, wenn dies durch Arbeits- und Tarifverträge oder Betriebsvereinbarungen explizit geregelt ist.
7. Auswahl:
Bei der Auswahl muss jetzt allgemein die Eignung der Bestandteile in allen verschiedenen Phasen der Verwendung berücksichtigt werden (z.B. Zugang Arbeit Rettung). Auch hier wird jetzt noch mal deutlich auf die Kantenbeanspruchung der Ausrüstung und auf die Gefahr eines Pendelsturzes eingegangen.
Der Kopfschutz ist jetzt noch deutlicher aufgeführt und somit stellt sich die Frage: mit Helm oder ohne Helm, nicht mehr. Wichtig ist das die Helme die DIN EN 397 erfüllen, sowie einen Drei- oder Vierpunktkinnriemen haben.
Großes Diskussionspotenzial hat der neue Punkt 7.2.4 Das Sicherungstechniken/ -methoden aus dem Bergsport nicht mehr als Maßnahme zum Schutz gegen Absturz angewendet werden dürfen. Ich kenne hier ein Beispiel was nun zu diskutieren ist. AbStuSi bei der Feuerwehr.
Viel mehr freue ich mich das jetzt auch hier in der Regel auf die Sicherung in fahrbaren Hubarbeitsbühnen Stellung genommen wird. Das Verbindungsmittel muss nun nach der DIN 19427 zugelassen sein und darf eine maximale Systemlänge von 1,8m nicht überschreiten. Und das ist jetzt Stand der Technik!
Bei der Auswahl von Rückhaltesystemen wird auch noch mal auf die horizontale und parallel zur Absturzkante verlaufende Anschlageinrichtung hingewiesen.
Oft wird ja die Frage gestellt ob jeder seinen eigenen persönlichen Gurt haben muss oder nicht. Darauf wird nun auch eingegangen, Personen mit regelmäßigem Einsatz ist eine Auffanggurt zur alleinigen Benutzung zur Verfügung zu stellen. Ebenso soll bei der Auswahl der Gurte auf die maximale Belastung geachtet werden. Nach EN 361 werden die Gurte nämlich nur mit 100kg Fallgewicht getestet. Für die richtige Auswahl ist die Belastung im gesamten System zu beachten (z.B. Material, Werkzeug, Kleidung, Person, etc.)
Ein kleines, aber mächtiges Detail verbirgt sich im Punkt 7.7 Verbindungmittel nach DIN EN 354. Zum Fortbewegen unter Absturzgefahr eignen sich zweisträngige Verbindungsmittel, bis dahin alter Käse. Aber jetzt kommt das was in Klammern steht „(Y-Seil)“. Das ist das Todesurteil für V-Systeme!
Bei den Mitlaufenden Auffanggeräten einschließlich beweglicher Führung nach DIN EN 353-2 hat sich auch ein neues Detail eingeschlichen. „Das Auffanggerät begleitet die Person während der Auf- und/oder Abwärtsbewegung automatisch ohne manuelle Betätigung und blockiert bei einem Sturz.“ Es gibt ein paar Systeme die trotz DIN EN 353-2 das nicht erfüllen. Mal sehen wie die Hersteller damit in Zukunft umgehen.
Ist eine Höhensicherungsgerät nach EN 360 über versinkbaren Stoffen zulässig oder nicht. Ganz klar nein. Punkt 7.11 im neuen Stand der Technik. Endlich ist das klar geregelt von Seiten der DGUV.
Natürlich hat sich auch was bei den Mitlaufenden Auffanggeräten mit fester Führung nach DIN EN 353-1 getan. So ist jetzt noch mal deutlich nur ein Hängen in der Auffangöse beschrieben. Das Einhängen an der Zentralenöse (EN 813) bei einem Sitzgurt ist unzulässig.
Jedes Auffangsystem beginnt mit der Anschlageinrichtung / Anschlagmöglichkeit. Die Neuerungen bestehen darin, dass bei Anschlageinrichtungen auch die DIN CEN/TS 16415 zusätzlich zur EN 795 vorgeben ist, wenn die sie für eine gleichzeitige Benutzung von mehreren Personen vorgesehen ist. Die Einteilung in die verschiedenen Klassen ist jetzt aber nicht mehr drin. Da ja nicht mehr alle Anschlagmöglichkeiten PSA sind. Einige Fallen ja in die DiBT Zulassung. Weitere Information dazu findest du in der DGUV Information 201-056. Wichtig ist bei Anschlageinrichtungen, die unter diese DiBT Zulassung fallen, dass es ein Montageprotokoll (Errichterbescheinigungen / Einbauerklärung) geben muss.  Bei Anschlageinrichtungen auf geneigten Dächern können Einzeltritte nach DIN EN 516 und Sicherungsdachhaken nach DIN EN 517 verwendet werden.
8. Benutzung:
Es wurde jetzt noch mal auf die Materialöse eingegangen da früher ein Transport von Material am Gurt, wenn man es genau nimmt, nicht erlaubt war. Eine weiter Fehlanwendung wurde jetzt noch mal deutlich geklärt.
Bei der Gebrauchsdauer wurde der Hinweis mit 6-8 Jahren für Gurt und 4-6 Jahre für Verbindungsmittel herausgenommen. Somit ist jetzt ganz klar die Herstellerinformation binden.
Bei der Verwendung von PSAgA im EX-Bereichen wurde noch mehr Details aufgeführt wann eine Gefahr besteht und wann nicht (z.B. können sich Auffanggurte durch Tragen nicht gefährlich aufgeladenen werden)
9. Betriebsanweisung, Unterweisung:
Hier ist die größte Neuerung bei dem Unterpunkt 9.2 Unterweisung zu finden. Die Unterweisung muss jetzt nämlich, min. aller 12 Monate durchgeführt werden. Somit ist die Frage was einmal Jährlich bedeutet klar und deutlich definiert! Ebenso habe die Unterweisung nun nach dem Rahmenbedingungen nach  des DGUV Grundsatz 312-001. Für die Anforderungen an an die unterweisende Person wird nun auch klar auf den DGUV Grundsatz 312-001 verwiesen. Somit wird dieser Grundsatz in seiner Wertigkeit nochmal hoch gehoben.
Im Thema der Sachkunde Überprüfung hat sich auch etwas verändert. Es wird jetzt klar auf Personen verwiesen die eine Ausbildung nach dem DGUV Grundsatz 312-906 durchlaufen haben. Das die Letzte Prüfung auf der Ausrüstung kenntlich gemacht werden soll ist jetzt kein Hinweis mehr! Dafür ist noch eine neuer Hinweis hereingekommen. Eine „sachkundige Person“ zur Überprüfung von PSA muss nicht den Anforderungen an eine „zur Prüfung befähigte Person“ im Sinne der Betriebssicherheitsverordnung (§14 „Prüfung der Arbeitsmittel“) entsprechen. Die Betriebssicherheitsverordnung regelt die Belange für den Umgang mit Arbeitsmitteln, jedoch nicht den Umgang mit PSA.
Bei festen Führungen, die seltener als einmal jährlich benutzt werden, kann die Prüfung durch eine für das System sachkundige Person des Steigganges gleichzeitig während der vorgesehenen Begehung erfolgen. Generell ist zu beachten, dass sich die sachkundige Person während der Überprüfung zusätzlich sichern muss. Bei Steigeisengängen, die mit einer festen Führung aus Drahtseil ausgestattet sind, darf die zusätzliche Sicherung bei der Prüfung nicht durch Anschlagen an Steigeisen erfolgen.
Für die sachkundige Prüfung von dauerhaft befestigten Anschlageinrichtungen gelten die Hinweise der Fachinformation „Durchführung von Sachkundigenprüfungen an Anschlageinrichtungen“ und der DGUV Information 201-056 „Planungsgrundlagen von Anschlageinrichtungen auf Dächern“.